Was ist sexueller Missbrauch?

Sexueller Missbrauch von Kindern bezeichnet willentliche sexuelle Handlungen mit, an oder vor Kindern. Dabei spielen ein Macht- oder Wissensgefälle und das Alter des Kindes eine zentrale Rolle. Als Kind gilt vor dem Gesetz, wer jünger als 14 Jahre alt ist. Der Gesetzgeber definiert, dass ein Kind unter 14 Jahren nicht einwilligungsfähig ist und deshalb sexuellen Handlungen mit, an oder vor ihm nicht zustimmen kann.

Die Zärtlichkeit gegenüber Kindern ist etwas ganz normales und hat ihren notwendigen Platz in jedem verwandtschaftlichen und erzieherischen Verhältnis. Dagegen ist der sexuelle Missbrauch eine planmäßige und sexualisierte Gewalt. Jede Manipulation, die in der Absicht erfolgt, ein Kind oder einen Jugendlichen zu stimulieren, für die sexuelle Erregung zu benutzen und zu einem Sexualobjekt zu degradieren, ist sexueller Missbrauch. Der Täter nutzt seine Macht und das kindliche Vertrauen zu sexuellen Handlungen aus. Die vom Täter eingeforderte Verpflichtung zur Geheimhaltung verurteilt das Kind nach der Tat zur Sprach- und Hilflosigkeit.

Wo findet sexueller Missbrauch statt?

Die meisten Fälle sexuellen Missbrauchs erfolgen in einem engen Rahmen, in dem Kinder Erwachsenen vertrauen. Vor allem in Familien und im familiären Umfeld, aber auch in Erziehungseinrichtungen, Vereinen und Kirchengemeinden besteht die Gefahr von Übergriffen auf Kinder und Jugendliche.

Die meisten Fälle sind nach heutigem Kenntnisstand für die 50er, 60er und 70er Jahre dokumentiert. Aber auch heute gibt es Fälle sexueller Gewalt. Doch das Bewusstsein für die Schwere der Vergehen ist durch fortgeschrittene psychologische und pädagogische Erkenntnisse, therapeutische Erfahrungen sowie eine gesteigerte Sensibilität der Öffentlichkeit gewachsen.

Selbst größte vorbeugende Anstrengungen seitens der Einrichtungen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, können den sexuellen Missbrauch an Minderjährigen nicht immer verhindern. Auch oder gerade für den familiären Bereich nehmen Experten eine hohe Dunkelziffer an. Umso wichtiger ist es, dass Opfer und Zeugen Missbrauchsfälle nicht verschweigen.

Welche Signale zeigen minderjährige Missbrauchsopfer?

Plötzliche Wesensveränderungen wie Verschlossenheit, Traurigkeit oder Gereiztheit können erste Anzeichen eines Missbrauchs sein, gehören aber auch zum ganz normalen Verhaltensrepertoire von Heranwachsenden. Auch die plötzliche Ablehnung von Zärtlichkeit kann ein Indiz sein. Jedes Kind reagiert jedoch anders auf Missbrauch. Das macht es oft schwierig, sexuellen Missbrauch am Verhalten eines Kindes zu erkennen und erschwert die Strafverfolgung.

Welche Umstände fördern die Gefahr des sexuellen Missbrauchs?

Das Umfeld spielt eine entscheidende Rolle dabei, ob es zu Übergriffen auf Kinder und Jugendliche kommen kann. Die Täter suchen sich ihre Opfer selten wahllos aus. Sie testen die ersten Reaktionen des Opfers und der Umgebung. Täter wollen sichergehen, dass das Umfeld ihr Vorgehen nicht bemerkt, es ignoriert oder sogar toleriert. Sie erschleichen sich das Vertrauen der Opfer, oft auch der Angehörigen. In dieser Situation will das Kind das Zutrauen zum eigentlich doch geliebten Menschen nicht verlieren und erduldet dafür die anfänglich vielleicht noch harmlos erscheinenden Übergriffe.

Grenzverletzungen

Der Begriff „Grenzverletzung“ umschreibt ein einmaliges oder gelegentliches unangemessenes Verhalten, das nicht selten unbeabsichtigt geschieht. Dabei ist die Unangemessenheit des Verhaltens nicht nur von objektiven Kriterien, sondern auch vom subjektiven Erleben des betroffenen jungen Menschen abhängig. Grenzverletzungen sind häufig die Folge fachlicher bzw. persönlicher Unzulänglichkeiten einzelner Personen oder eines Mangels an konkreten Regeln und Strukturen. Sie liegen unterhalb der Schwelle der Strafbarkeit.

Beispiele:            

  • Missachtung persönlicher Grenzen- Eine tröstende Umarmung, obgleich dies dem Gegenüber unangenehm ist
  • Missachtung der Grenzen der professionellen Rolle – Ein Gespräch über das eigene Sexualleben
  • Missachtung von Persönlichkeitsrechten – Die Verletzung des Rechts auf das eigene Bild durch Veröffentlichung von Bildmaterial über Handy oder im Internet
  • Missachtung der Intimsphäre – z. B. Umziehen in der Sammelumkleide eines Schwimmbads, obwohl sich ein Mädchen oder ein Junge nur in der Einzelkabine umziehen möchte

Sexuelle Übergriffe

Sexuelle Übergriffe passieren nicht zufällig, nicht aus Versehen. Sie unterscheiden sich von unbeabsichtigten Grenzverletzungen durch die Massivität und/oder Häufigkeit der nonverbalen oder verbalen Grenzüberschreitungen und resultieren aus persönlichen und/oder fachlichen Defiziten. Abwehrende Reaktionen der betroffenen jungen Menschen werden bei Übergriffen ebenso missachtet wie Kritik von Dritten.

In einigen Fällen sind sexuelle Übergriffe ein strategisches Vorgehen zur Vorbereitung strafrechtlich relevanter Formen sexualisierter Gewalt. Sie gehören zu den typischen Strategien, mit denen insbesondere erwachsene Täter testen, in wie weit sie ihre Opfer manipulieren und gefügig machen können.

Beispiele:

  • Einstellen von sexualisierten Fotos ins Internet und sexistisches Manipulieren von Fotos (z. B. Einfügen von Portraitaufnahmen in Fotos von nackten Körpern in sexueller Pose)
  • wiederholte, vermeintlich zufällige Berührung der Brust oder der Genitalien (z. B. bei Pflegehandlungen, bei Hilfestellungen im Sport oder bei diversen Spielen)
  • wiederholt abwertende sexistische Bemerkungen über die körperliche Entwicklung junger Menschen
  • sexistische Spielanleitungen (z. B. Pokern oder Flaschendrehen mit Entkleiden)
  • wiederholte Missachtung der Grenzen der professionellen Rolle (z. B. Gespräche über das eigene Sexualleben, Aufforderungen zu Zärtlichkeiten)

Strafrechtlich relevante Formen sexualisierter Gewalt

Die strafrechtlich relevanten Formen sexualisierter Gewalt an Minderjährigen und Schutzbefohlenen werden im 13. Abschnitt des Strafgesetzbuchs unter den „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ benannt gemäß den §§ 171,174 bis 174c,176 bis 180a,181a,182 bis 184f,225,232 bis 233a,234,235 oder 236 StGB. Dazu gehören auch exhibitionistische Handlungen, die Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger und das Ausstellen, die Herstellung, das Anbieten und den Eigenbesitz von kinderpornographischen Materialien. Kinder, das heißt Personen, die zur Tatzeit jünger als 14 Jahre sind, sind nicht strafrechtlich verantwortlich.

Jugendliche, das heißt Personen zwischen 14 und 18 Jahren, sind  „individuell“ strafrechtlich verantwortlich, abhängig von ihrer sittlichen und geistigen Reife zur Zeit der Tat, das Unrecht der Tat einzusehen und dieser Einsicht entsprechend zu handeln.“ (Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz 2011: Handreichung der Jugendkommission zur Prävention von sexualisierter Gewalt im Bereich Jugendpastoral, Bonn, S. 11ff)

Bei allen Unterschieden in möglichen Definitionen gibt es folgende Punkte, die jegliche Form von sexualisierter Gewalt charakterisieren:

Kinder können nie zustimmen! Die Verantwortung für die Tat liegt immer beim Täter oder der Täterin.

Viele Täter und Täterinnen behaupten im Nachhinein, dass die Kinder und Jugendlichen, die sie missbraucht haben, „es auch gewollt haben“. Sexuell motivierte Gewalthandlungen beeinträchtigen und schädigen das Kind oder den Jugendlichen in ihrer eigenen sexuellen Entwicklung und Identität. Sie können aufgrund ihres Alters und ihres Entwicklungsstands nicht einschätzen, was Erwachsene mit ihren Handlungen bezwecken. Sie können demnach auch nie bewusst und verantwortlich zustimmen oder einverstanden sein. Die ältere Person nutzt die körperliche und geistige Unterlegenheit des Kindes bewusst aus, um damit seine eigenen Bedürfnisse auf Kosten der Kinder oder Jugendlichen zu befriedigen. Von daher liegt die Verantwortung immer beim Täter!

Täter und Täterinnen nutzen ihre Macht aus.

Bei der Ausübung sexualisierter Gewalt handelt es sich immer auch um eine Ausnutzung einer Machtposition. Diese kann aus Gründen des Alters, des Geschlechts, der Herkunft, des sozialen Status, körperlicher Überlegenheit oder formaler Position (z.B. als Lehrer oder Gruppenleiter) zustande kommen. Diese Macht oder Autorität ermöglicht den Tätern die Ausnutzung dieses Machtgefälles.

Täter und Täterinnen nutzen Vertrauen aus.

Nur äußerst selten (außer im Bereich der Grenzverletzungen) sind Fälle sexualisierter Gewalt zufällige und spontane Taten. In der überwiegenden Mehrzahl sind die Taten langfristig und strategisch geplant. Täter und Täterinnen missbrauchen oft dieselbe Person mehrfach und zunehmend intensiver. Dabei werden insbesondere Situationen bewusst ausgenutzt, in denen die Kinder und Jugendlichen, gegen die sich ihre sexualisierten Gewalthandlungen richten, allein, unterlegen oder wehrlos sind und dabei nicht in der Lage sich selber aus der Situation zu befreien. Dazu kommt, dass die Täterinnen und Täter ihr Opfer häufig einschüchtern und die „Schuld“ für die Tat den Betroffenen zuschieben. Damit wollen Sie verhindern, dass die Tat bekannt wird.

Die Verantwortung für den Schutz von Mädchen und Jungen, jungen Frauen und Männern liegt deshalb bei den Erwachsenen.

Die meisten betroffenen Kinder- und Jugendlichen sind aufgrund des häufigen Abhängigkeitsverhältnisses und der „mächtigen“ Position des Täters oder der Täterin nicht in der Lage, allein ihre erlebte sexualisierte Gewalt zu beenden oder sich eigenständig Hilfe zu holen. Weiter erschwerend kommen häufig eigene Scham- und Schuldgefühle des/der Betroffenen und oftmals ein bestehendes Vertrauensverhältnis zum Täter bzw. zur Täterin hinzu.

Unsere Verpflichtung zum Hinschauen

Unser Wissen heute und die Erfahrung aus den vielen Fällen der Vergangenheit haben gezeigt: Täterinnen und Täter suchen sich in der Regel ihr Umfeld für die geplante Tat sehr genau aus. Sie testen ihr Umfeld, um  sicher zu sein, dass ihre Kolleginnen und Kollegen und ihr Umfeld nicht merken, was sie vorhaben. Oft jedoch gibt es Hinweise oder Verhaltensweisen, die zunächst als merkwürdig wahrgenommen werden oder ein ungutes Gefühl hinterlassen. Nehmen Sie diese Gefühle ernst! Die Ignoranz gegenüber Hinweisen und bewusstes Wegschauen ermöglicht Taten! Daher sind alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren Einrichtungen  zum Hinschauen und zur Hilfe für Kinder, Jugendliche und erwachsenen Schutzbefohlenen verpflichtet!

[1] In Anlehnung an: Enders, Ursula; Kossatz, Yücel; Kelkel, Martin; Eberhardt, Bernd (2010), Zur Differenzierung von Grenzverletzungen, sexuellen Übergriffen und strafrechtlich relevanten Formen sexueller Gewalt.